Wenn ich von meiner Teilnahme am diesjährigen MinD Camp berichte, taucht eine Frage immer wieder auf: Was hat man sich eigentlich unter dem Programmpunkt “Kuschelworkshop” vorzustellen?
Der Kuschelworkshop bestand aus mehreren Übungen
Angefangen hat es ganz locker: im Zelt herumlaufen und, wenn man einem anderen begegnet, kurz stehenbleiben und anschauen. Dann zu einem anderen Teilnehmer weitergehen. Einfach mal schnuppern sozusagen.
Vielleicht, Ja, Vielleicht, Auf Wiedersehen!
Danach wurden “Ja”, “Vielleicht”, “Nein” und “Auf Wiedersehen” eingeführt. Wieder durchs Zelt laufen, bei irgendwem stehenbleiben, “Ja”, “Vielleicht” oder “Nein” sagen und sich dabei berühren. Die Berührung konnte eine Umarmung sein, einfach nur die Hand schütteln, den Arm streicheln – der Phantasie waren kaum grenzen gesetzt.
Neben den Regeln “nicht ausziehen”, “nicht küssen” und “kein Sex” hatten die vier Feedbackwörter folgende Bedeutung:
- “Ja” heisst die beruehurung ist ok und angenehm
- “Vielleicht” heisst man ist sich noch nicht sicher
- “Nein” bedeutet die Berührung ist einem unangenehm
- bei “Auf Wiedersehen” geht man weiter und sucht sich einen neuen Partner.
Damit jeder klar ein “Ja” und “Nein” artikuliert und nicht durch übermäßige Zurückhaltung an Feedback spart, gab es vorher noch eine kurze Übung mit einem Partner, die darin bestand 10 mal je ein klares “Ja” und ein klares “Nein” auszusprechen.
Interessant war für mich vorallem die Erfahrung, dass ein “Nein” so gut wie nie zu hören war. Das hat vermutlich zwei Ursachen: Zum Einen kann man auch mit “Auf Wiedersehen” die Begegnung abbrechen und sich einen neuen Partner suchen, zum Anderen bekommt man erstaunlich viel non-verbales Feedback und entwickelt sehr schnell ein Gefühl dafür, welche Berührungen dem Partner gefallen und welche ihm unangenehm sind.
Wer eine kurze Auszeit brauchte, konnte sich an die Zeltwand setzen und dann später wieder zur Gruppe stoßen.
Die Autowäsche
Wir haben Dreiergruppen gebildet. Einer wird von den beiden anderen “gewaschen”. Dabei wird er wie beim Autowaschen mit den Handflächen von Kopf bis Fuss gestreichelt. Eine spannende Erfahrung vier Hände am ganzen Körper zu spüren, die in der nächsten Übung noch gesteigert werden sollte.
Der Angel Walk
Die ganze Gruppe (knapp 20 Teilnehmer) stellt sich in einem grossen Doppelkreis auf, so dass ein runder Gang zwischen den Menschen entsteht. Aus der manuellen Autowäsche der vorigen Übung wurde nun eine ganze Waschstraße. Der erste geht ganz langsam mit geschlossenen Augen durch den Gang und wird dabei von den Teilnehmern, an denen er vorbeikommt, gestreichelt. Das sind nochmal weit mehr als 4 Hände auf einmal und erzeugt ein sehr intensives Gefühl.
Chill Out
Am Ende gab es dann noch einmal Rumlaufen mit gelockerten Regeln (nur noch “kein Sex”) und dem Zusatzwort “mehr” zur Steigerung.
Im Anschluß haben wir die Zeit beim “Gruppenkuscheln” chillend und regelfrei im Zelt genossen.
Reflektion
Es ist schon erstaunlich auf was wir in unserer Gesellschaft alles verzichten. Für uns Europäer mutet die Verschleierung im Islam oft befremdlich an, verwehrt sie doch weitgehend den Einsatz der Mimik als non-verbales Kommunikationsmittel. Die Tabuisierung von Berührungen in unserer Gesellschaft – so sie über das Händeschütteln und bei guten Bekannten über eine Umarmung zur Begrüssung und Verabschiedung hinausgeht – hat aber eine ganz ähnliche Wirkung und vermutlich auch eine ähnliche Motivation. Die Sexualisierung von Berührungen verbannt sie ins Intime und Private und verwehrt uns nicht nur ein spannendes Kommunikationsmittel sondern auch den Zugang zu viel positiver Energie.
Es lohnt sich dieses Tabu hin und wieder zu brechen.
References